Ruhetag in Taldykorgan

Wir verbringen zwei Nächte im Hotel in Taldykorgan. Zum ersten Mal seit 10 Tagen haben wir einen kompletten Ruhetag. Wirklich entspannen können wir natürlich nicht, wir müssen uns mal wieder um den weiteren Plan kümmern. So viele Flussquerungen wie in den letzten Tagen wollen wir vermeiden, aber nur auf der Straße zu fahren ist auch nicht wirklich unser Ziel. Wir finden eine Route, die uns durch die Ausläufer der Berge führt und auf jeden Fall großteils fahrbar wirkt. Wir kaufen wieder für vier Tage Essen ein und gönnen uns am Abend in einem klassisch kasachischen Restaurant Spieße, Langmannudeln und Bier.

Tag 11: Taldygorgan - Fahrradwerkstatt - Wiking Camp

Wir gehen noch nett frühstücken und starten dann Richtung Tekeli. Wir wollen in das Turgen-Tal fahren. Kurz nachdem wir losgefahren sind, bemerke ich ein Knacken bei meinem Fahrrad, das ich nicht zuordnen kann. Wir bleiben stehen und ich merke, dass sich ein Pedal gelöst hat und nicht mehr fest auf der Achse sitzt. Ich schraube es wieder fest, doch das Geräusch bleibt bestehen. Wir fahren weiter, doch schnell wird mir klar, dass es wahrscheinlich der Freilaufkörper ist, der die Flussquerungen der letzten Tage doch nicht so gut überstanden hat. Ich versuche vergebens, Kettenöl zur Nabe zu bekommen und schmiere mir Öl auf die Bremsscheibe. Super, jetzt hamma den Schmarrn beinander. Notdürftig versuche ich die Bremsbeläge und Scheibe mit Benzin von unserem Kocher zu reinigen, aber da dürfte auch etwas Öl dabei gewesen sein und so sind jetzt also meine Bremsen auch noch am Arsch.

Wir fahren zurück und finden am Bazar in Taldykorgan tatsächlich eine Fahrradwerkstatt. Der "Meister", wie er von seinem Lehrling genannt wird, inspiziert mein Rad und sieht das Problem beim Tretlager, das er dann sofort tauscht. Die Bremsscheiben kann er nicht reparieren, aber neue will ich auch nicht kaufen. Wir sind einfach happy, dass wir das Problem gefunden und so schnell lösen konnten. Wir kaufen noch einen Bremsenreiniger und machen uns wieder auf den Weg. Sofort ist aber klar, dass das Knacken nicht verschwunden ist. Also doch der Freilauf. Wieder zurück in die Werkstatt, wo ich dem Meister versuche zu erklären, dass er versuchen solle, etwas Öl in den verpressten Freilauf zu bekommen. Er versteht meine Anweisungen aber eher als Angriff auf seine Expertise. Er kann uns also nicht helfen...

Ich fahre also mit knackendem Freilauf weiter. Auch wenn das Geräusch extrem nervig ist, irgendwann wird man sich schon daran gewöhnen und das Rad hoffenltich noch ein bisschen durchhalten.

Wir fahren in das Tal, das zu unserer Verwunderung eine Riesenbaustelle ist. Überall wird gebaut und nirgends finden wir einen passenden Schlafplatz. Wir fahren also weiter und plötzlich stehen wir vor einem 3 Meter hohen, bewachten, Tor. Straßensperre. Was nun? Etwas entmutigt von den ganzen Niederlagen heute, fragen wir bei einem Wikinger-Camp nach, die den einzigen flachen Platz im Tal einnehmen, ob wir dort unser Zelt aufstellen dürfen.

Super nett werden wir von den Rangern begrüßt und sie kochen uns am Abend sogar Steak!!! Dann werden wir noch von einer durchmischten Gruppe von Kasachen, Russen und Chinesen zum Lagerfeuer eingeladen. Es gibt Wodka, selbstgebrautes Bier und Kartoffel aus der Glut. Die russische Sauna müssen wir dankend ablehnen und fallen dann todmüde in unser Zelt.

Tag 12: Was nun?

Da das Tal für alleinreisende Touristen komplett gesperrt ist, müssen wir wieder zurück nach Tekeli. Also wieder umplanen. Vanessas Freilauf meldet sich mittlerweile auch mit leisem Knacken. Wir sind erst 10 Tage unterwegs und bis in die Mongolei sind es noch mehr als 2000 km. Schaffen wir das wirklich mit den kaputten Freiläufen? Sollen wir zurück nach Almaty fahren und versuchen, die Freiläufe zu tauschen? Was für einen Freilauf haben wir überhaupt? Bekommt man dafür in Kasachstan einen Ersatz? Wir wissen es nicht!

Nach etlichen Telefonaten nach Österreich ist klar, Bergamont weiß selbst nicht, was für ein Freilauf bei ihren Rädern verbaut ist... Also vielleicht gleich eine neue Nabe kaufen und neu einspeichen lassen? Valentino, Vanessas Bruder, gibt sein Bestes und telefoniert in Österreich mit allen möglichen Fahrradwerkstätten. Eins wissen wir mittlerweile: Der Freilauf ist verpresst und ist nicht zum Servicieren geeignet, man kann ihn nur tauschen.

Wir müssen recht verloren ausschauen, denn ständig kommen Kasachen vorbei und schenken uns Wasser oder Eis. Wir fahren ohne Lösung etwas weiter zu einem Fluss und stellen unser Zelt auf. Wir sind uns einig, dass wir in Kasachstan keine Ersatzteile bekommen werden und beschließen, weiter nach China zu fahren und dort unsere Route so anzupassen, dass wir nach Urumqi kommen, eine 4-Millionen-Stadt, in der es einige gute Fahrradwerkstätten geben soll. Wir hoffen, dass die Chinesen uns dort helfen können. Die sollen ja wirklich alles können!

Tag 13: Durch die Staubwüste

Also gefühlt zum hundertsten Mal die Route adaptiert. Wir fahren also in den Norden von Taldykorgan. Um nicht ein drittes Mal durch den Stadtverkehr zu müssen, entscheiden wir uns, direkt durch die Steppe zu fahren. Diese Straßen entpuppen sich aber als extreme Staubwege. Unsere Räder machen Geräusche, dass ich das Gefühl bekomme, der Freilauf wird bald unser kleinstes Problem sein. Am Horizont zieht dann noch ein Gewitter auf, wir ziehen die Regenjacken an und fahren weiter. Es stellt sich heraus, die Regenfront ist eigentlich ein Sandsturm. Ob es das jetzt besser macht? Keine Ahnung. Ich will jetzt eigentlich nur noch so schnell wie möglich auf eine Asphaltstraße. Endlich verlassen wir diese Staubpiste und fahren ins nächste Dorf. Wo wir uns dringen um unseren Blutzucker kümmern müssen.

Wir sitzen vor dem Minimarkt und ständig kommen super nette Kasachen vorbei, die mit uns reden wollen. Sie bringen uns Wasser, Cola, Pizza, Kekse und Zuckerl. Teilweise schenken sie uns sogar Geld, was wir natürlich ablehnen. Aber keine Chance. Die Kasachen sind einfach unglaublich gastfreundlich. In 30 Minuten haben wir 13 Liter Wasser geschenkt bekommen. Was sollen wir jetzt damit machen? Ein Stück außerhalb des Dorfes waschen wir damit, schlussendlich unsere staubigen Räder, was zumindest meine Stimmung erheblich verbessert. Die nächsten 30 km fahren wir auf der Autobahn weiter. Diese ist etwas entspannter als die letzte... Es sind sogar Kasachen mit Pferden auf der Autobahn unterwegs, also fühlen wir uns mit den Rädern nicht ganz so fehl am Plazt. Wir finden einen idyllischen Schlafplatz an einem kleinen Bach.

Tag 14: Gegen den Wind im Regen

Unser erster wirklicher Regentag. Noch voller Motivation starten wir los, doch bald frisst sich die Kälte durch unser Gewand und wir sind heilfroh, als wir in einem Dorf einen kleinen Minimarkt finden, in dem wir uns ein bisschen aufwärmen können. Es fällt uns etwas schwer, uns zu motivieren, noch weiterzufahren, aber jetzt sind wir auch schon nass, also wieder auf die Räder und weiter ins nächste Dorf. Wir treffen drei junge Kasachen auf einem Motorrad, das durch die drei etwas überladen wirkt. Wir machen ein kleines Wettrennen und holen sie bald wieder ein. Ein Selfie später biegen wir dann auch schon von der Straße ab und suchen standardmäßig am Fluss einen Schlafplatz.

Unter einem großen Zelt sitzen mehrere einheimische Familien zusammen und winken uns zu ihnen. Sie nutzen das Wochenende und grillen am Fluss, im Regen. Wir werden auf Wodka, Tee, Fleisch und Kuchen eingeladen. Tee und Wodka wärmen uns von innen, wir können uns tatsächlich ein bisschen mit ihnen unterhalten. Ein weiteres Selfie später und wir verabschieden uns und stellen unser Zelt ein paar hundert Meter weiter auf. Unser Plan, das Zelt so schnell wie möglich aufzubauen, um es vom Regen nicht zu nass werden zu lassen, scheitert an den 5 Wodkashots von vorher. So lange haben wir noch nie gebraucht, bis das Zelt dann stand.

Tag 15: Weiter Richtung China

Den nächsten Tag regnet es immer noch und wir machen einen kompletten Tag Ruhe. Wir waschen Wäsche, da das meiste sowieso schon durchnässt war.

Nächster Tag: Das Wetter ist besser und wir fahren weiter. Wir haben uns beide eine leichte Blasenentzündung eingefangen. Na super! Also alle 30 Minuten Pinkelpause.

Zuerst gibt es eine rasante Abfahrt, die wir genießen, und dann weiter bis nach Sarqan. Dort kurze Pause und weiter, bis wir neben einer Brücke an einem kleinen Fluss einen Schlafplatz finden.

Tag 16: Über die Apfelbaum-Hochebene

Heute steht wieder Gravel am Programm. Wieder mal haben wir über Satellitenbilder eine Route durch hügelige Landschaft gefunden. Wir fahren los und verlassen gleich darauf die asphaltierte Straße. Ohne Serpentinen geht es steil bergauf, doch die Landschaft ist ein Traum. Am Horizont sieht man tief verschneite Berge und bei uns im Tal blühen die wilden Apfelbäume.

Wir taufen die Gegend mit dem hochkreativen Namen "Apfelbaum-Hochebene". Wir fahren durch die grünen Hügel immer weiter bergauf, bis es plötzlich wieder bergab geht. Es tut sich abermals ein Tal auf, diesmal mit kleinem See und vielen Kühen und Pferden. Dass unsere Räder beim Treten immer noch knacken, haben wir mittlerweile schon fast vergessen.

Unerwartet werden Wir von einem tiefen Fluss überrascht. Nicht schon wieder! Aber dieser ist nicht so reißend wie die letzten. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und tragen zuerst die Satteltaschen und dann die Räder über den Fluss, so, dass die Naben nicht geflutet werden. Während wir damit beschäftigt sind, unser ganzes Hab und Gut durch den Fluss zu manövrieren, begutachten Kühe unsere Taschen und Räder, die schon am anderen Ufer stehen.

Weiter gehts, wir beobachten die Pferdeherden, die über die Wiesen ziehen und genießen die Landschaft. Plötzlich wird die Idylle durch den Anblick eines weiteren Flusses getrübt. Uns war klar, wenn es hier keine Brücke gibt, müssen wir die letzten 2 Tage wieder retour. Hier die Räder durch die Fluten zu tragen, ist unmöglich. Wir fahren flussaufwärts, mit der Hoffnung, dass die Autospuren im Boden irgendwann auf eine Brücke treffen. Und tatsächlich, nach ein paar hundert Metern sehen wir eine richtige Brücke. Selten haben wir uns so sehr über den Anblick einer Brücke gefreut.

Eine Stunde später erreichen wir Lepsy. Von Weitem sehen wir schon einen gigantischen Häuserblock, der sich als brandneues Olympia-Zentrum herausstellt. Draußen trainieren gerade Kinder auf Skirollern fürs Langlaufen. Mit dem ganzen Schotter am Asphalt eine doppelt starke Leistung. Wir werden netterweise von der Betreiberin vom Minimarkt und dem Cafe/Restaurant zum Essen eingeladen. Sie erzählt uns von ihrem Studium in Beijing und dass zuletzt vor zehn Jahren Radfahrer hier vorbeigekommen sind, zwei Franzosen. Bei den letzten Olympischen Winterspielen hat eine Kasachin aus diesem Dorf eine Silbermedaille im Eisschnelllaufen gewonnen, unter anderem deshalb gibt es hier das neue Olympia-Zentrum.

Wir fahren noch ein Stück weiter und sind ziemlich beeindruckt von der Arm-Reich-Schere zwischen Land und Stadt.

Tag 17: Alaköl See

Nur noch zwei Tage bis zur chinesischen Grenze. Eigentlich sollte es an diesem Tag tendenziell bergab gehen, aber davon merkt man wirklich gar nichts. Die Kasachen sind Profis darin, beim Straßenbau jeden Hügel mitzunehmen. Es geht ständig bergauf und bergab. Und wenn es dann doch mal möglich wäre, eine moderate Steigung anzulegen, dann ist die Straße so flach, dass man im "Bergabfahren" treten muss.

"Achtung 20 km Baustelle", steht auf einem Schild, das erahnen lässt, dass der kommende Abschnitt eine Qual wird. Baustellen haben wir zwar keine gesehen, aber die Straße würde schleunigst eine grobe Generalsanierung vertragen.

So kämpfen wir uns bis zu einem kleinen Dorf, wo wir ein Eis essen und versuchen, mit den Einheimischen zu tratschen. Ich vergesse meine Radhandschuhe, die mir ein junger Bub netterweise mit dem Rad hinterherbringt.

Am Abend erreichen wir den Alaköl See. Eigentlich wollten wir dort in ein Hotel, aber das Dorf ist eine große Baustelle und wir finden keine Unterkunft. Also doch wieder Zelt aufstellen.

Im Sommer kommen die Kasachen gerne hierher, um Urlaub zu machen. Der schwarze Vulkanstein am Strand soll eine heilsame Wirkung haben. Außerdem ist es ein Salzwassersee und man kann nicht auf die andere Seite sehen. Man fühlt sich wie am Meer.

Es ist Donnerstag und nur noch ein Tag bis zur Grenze. Wir entscheiden uns, nicht am Freitag in Dostyk anzukommen, da wir nicht sicher sind, ob wir am Nachmittag noch über die Grenze kommen. Samstag und Sonntag ist die Grenze dicht. Also genießen wir die nächsten zwei Tage am See, waschen Wäsche und können zum ersten Mal faulenzen, ohne groß planen zu müssen. Endlich auch mal Ruhe für den Kopf!

Tag 18: Alaköl See - Dostyk

Im Affenzahn cruisen wir mit Rückenwind die letzten 100 km bis zur Grenze. Nach 2,5 Stunden sind wir da! Was für ein Genuss. Es sind hauptsächlich LKWs unterwegs, die aber immer nett grüßen und großzügig überholen.

Bevor wir uns einen passenden Schlafplatz suchen, müssen wir noch ins Dorf, um herauszufinden, wann der Grenzbus abfährt und wie viel er kostet. Die Info bekomme ich von zwei Einheimischen, die mich gleich in ein Gespräch verwickeln und mir ihr Hotel als Unterkunft vermitteln wollen. Ich lehne ab, vor allem weil Vanessa ein bisschen weiter weg auf mich wartet.

Wir machen Jausenpause auf einer Bank im Schatten, als die zwei Männer noch einmal kommen und uns zu ihrer Unterkunft bringen wollen. Mittlerweile haben wir uns schon an die schlechten Übersetzungen von Google Translate gewöhnt, trotzdem ist immer noch unklar, was sie uns eigentlich anbieten.

Wir geben auf und folgen einem der Männer Richtung Bahnhof. Es stellt sich heraus, dass er uns in den Partyverschlag seiner Familie einlädt, in dem es eine Küche, fließendes Wasser und Schlafkojen gibt. Wir nehmen das Angebot dankend an und sind froh, dass wir keinen Zeltplatz suchen müssen. Es ist perfekt für uns! Nur 50 m vom Busbahnhof entfernt.

Am Abend gehen wir noch ein letztes Mal kasachische Spieße essen und sind schon etwas aufgeregt, wie die Einreise nach China ablaufen wird. Wir haben schon viele wilde Geschichten gehört und sind gespannt, ob wir wirklich einfach so ein 30-Tage-Touristenvisum direkt bei der Einreise bekommen werden. Wie intensiv die Einreise wirklich war, konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen.