Wieder mal neu planen

Unser ursprünglicher Plan war es, über den Grenzübergang Karatal (KZ)–Jeminay (CN) nach China zu reisen. Aber da wollten wir ja eintlich auch noch mit dem Nachtzug in den Norden nach Öskemen fahren. Jetzt wirkt der Grenzübergang sehr weit entfernt und wir sind uns nicht sicher, ob wir ihn in den restlichen 16 Tagen unseres 30-Tage-Touristenvisums erreichen können. Den Standard-Grenzübergang nach China bei Horgos wollen wir auch nicht nehmen, da wir dann schon zu früh in China wären und dort nicht mehr Zeit verbringen wollen als unbedingt nötig. Also entscheiden wir uns für den Übergang Dostyk (KZ)–Alashankou (CN). Wir finden nur wenige Infos über die Grenze, aber klar ist: Man muss den Grenzbus nehmen und die Grenze ist am Wochenende zu ...

Perfekt, wir haben ein Ziel. Jetzt brauchen wir nur noch einen Plan, wie wir nach Dostyk fahren. Die Idee, dass wir uns den Altyn-Emel-Nationalpark anschauen, gefällt uns zwar, aber wirklich Lust auf unendlich lange, gerade Straßen durch Wüste und Steppe haben wir nicht. Also entscheiden wir uns für eine Route durch die Berge: von Koktal bis nach Arantobe über ein Hochebenental. Die Straßen haben wir teils nur über das Satellitenbild gefunden.

Tag 5: Die Oase

Wie geplant ruhen wir uns aus und planen, am Nachmittag ca. 30 km bis in einen kleinen Canyon zu fahren. Wir waschen die Wäsche und beobachten die Hirten, die ihre Schafe und Ziegen zum Trinken an den Fluss treiben. Alle grüßen nett und als wir unsere Sachen packen, kommt ein netter Kasache auf seinem Pferd zu uns und will mit uns kommunizieren. Mit Händen und Füßen erklären wir, dass wir aus Europa mit den Rädern nach Almaty geflogen sind. Wie viel er wirklich verstanden hat, ist unklar, aber er ist von unserer Ausrüstung begeistert.

Wir machen uns auf den Weg. Wieder mal gegen den Wind, bis wir in einem kleinen Dorf noch einen Minimarkt finden, wo wir uns für den Abend mit Pasta eindecken. Endlich mal keine Polenta oder Reis!

Wir biegen von der asphaltierten Straße ab und fahren auf einem Schotterweg Richtung Abgrund eines Canyons. Plötzlich bricht die Straße steil ab und wir müssen die Räder schieben. Wir versuchen, nicht daran zu denken, dass wir diese Passage am nächsten Tag wieder bergauf schieben müssen.

Blick in eine kasachischeOase

Wir finden einen wunderschönen Platz direkt am Fluss in einer kleinen Oase. Wir kochen uns endlich mal genug zum Essen und genießen den Abend an einem kleinen Lagerfeuer. Obwohl wir einen ruhigen Tag mit nicht allzu vielen Kilometern hinter uns haben, fallen wir wieder wie Steine ins Zelt.

Unser Zelt in einer kasachischen Oase

Tag 6: Steppe, Autobahn und die verfluchte Suche nach einem Zeltplatz

Wir starten wieder recht früh. Mittlerweile sind wir schon ziemlich eingespielt und brauchen meist nicht länger als eine Stunde, bis wir wieder auf den Rädern sitzen. Zuerst schieben wir die Räder wieder aus dem Canyon und dann geht es auf Asphalt weiter.

Erstaunlich schnell geht es voran und wir kommen zum ersten Mal in den Genuss von Rückenwind. Wir brettern durch die Steppe und genießen die unendliche Weite der Landschaft. Am Horizont sieht man schon die Berge, die wir anpeilen.

In Chundzha machen wir Mittagspause in einem Café. Auch die Kasachen haben am 1. Mai frei und die Straßen sind gefüllt mit spielenden Kindern. Hier lernen wir auch auf die harte Tour: Wenn es etwas zum Einkaufen gibt, immer gleich kaufen. Man weiß nie, wann man es wieder bekommt. Als wir nämlich im nächsten Dorf ankommen und Gemüse kaufen wollen, werden wir enttäuscht. Also ab jetzt immer gleich zuschlagen.

Vor dem nächsten Abschnitt haben wir schon ein bisschen Respekt: Es geht über die Autobahn. Es gibt für diese 50 km durch die Steppe und über Flüsse keine andere Straße und keinen anderen Weg. Wir überlegen noch, ob wir autostoppen sollen, aber es fahren schon seit Längerem nur wenige Autos an uns vorbei, die für zwei Räder alle ungeeignet wären.

Kurz vor der Auffahrt treffen wir noch eine russische Gruppe. Sie meinen, es sei wenig Verkehr und alles kein Problem. Naja, ob man Russen bei der Einschätzung von solchen Sachen trauen kann, ist fraglich. Wir fahren also los und wie es so ist, überholt uns auf der Auffahrt noch der perfekte Autostopp-Klein-LKW ...

Radfahrerin auf kasachischer Autobahn

Also los geht's. Es ist tatsächlich wenig Verkehr und wie wir es schon von den Kasachen gewohnt sind, überholen sie uns mit viel Abstand. Es gibt einen kleinen Seitenstreifen, der perfekt für uns zu befahren ist.

30 Minuten später fahren wir die erste Abfahrt ab. Der Fluss, bei dem wir eigentlich schlafen wollten, stellt sich als Gatschsuppe heraus und wir entscheiden uns, doch noch auf der Autobahn weiterzufahren. Wir erreichen komplett erschöpft die Abfahrt nach Koktal und kämpfen uns die letzten Kilometer bis ins Dorf.

Kamele in der kasachischen Steppe

Zum ersten Mal sehen wir Kamele. Motiviert von ihrem Anblick schaffen wir es noch bis zum nächsten Geschäft. Wir müssen so am Ende aussehen, dass uns zwei nette Kasachen gleich zwei Cola und Wasser kaufen.

Da wir uns unbedingt waschen wollen, müssen wir aber noch ein Stück weiter zum nächsten Fluss. Dort beginnt dann die Suche. Zwischen Stacheldraht und Dornenhecken versuchen wir, zum Fluss vorzudringen. Endlich geschafft. Wieder mal ein perfekter Platz zum Schlafen, Waschen und Kochen.

Tag 7: Durch die Wüste in die Berge

Wir sind richtig K. o. von den 130 km am Vortag. Wir fahren die paar Kilometer wieder zurück ins Dorf, um den nächsten Teil durch die Berge zu planen. Wie lange werden wir brauchen? Wie viel Essen brauchen wir? Wo können wir Wasser nachfüllen? Essen für vier Tage sollte reichen.

Obwohl wir noch komplett fertig sind, entscheiden wir uns, noch am gleichen Tag loszufahren. Nur 25 km bis zum nächsten Fluss, der laut Satellitenbild von vielen Bäumen gesäumt sein soll. Wir machen uns also in der Mittagshitze auf den Weg, füllen noch einmal unsere Wasserflaschen auf und dann geht's wieder in die Steppe.

Unser Zelt in einer kasachischen Oase

Da wir den Weg nur auf dem Satellitenbild gefunden haben, verlassen wir die Straße und stehen plötzlich in einem ausgetrockneten Flussbett. Nach kurzer Suche finden wir dann doch den Weg, der zu unserem Erstaunen eine recht passable Straße ist. Es wird immer hügeliger und richtig anstrengend.

Nach ca. einer Stunde auf der Schotterstraße kommt uns ein Motorrad mit zwei vermummten Männern entgegen. Unüblich für Kasachen grüßen sie nicht und brettern einfach weiter. Ein paar Minuten später kommt ein großer Geländewagen mit Männern mit Sturmhauben um die Kurve. Etwas eingeschüchtert fahren wir weiter. Was machen die hier und warum sind sie so vermummt? Und warum grüßen sie nicht wie die restlichen Kasachen bis jetzt?

Kasachische Hirten treiben ihre Schafe durch den Fluss

Als uns dann ein Klein-LKW mit Ladefläche entgegenkommt, der normalerweise für den Viehtransport verwendet wird, erschrecken wir schon ordentlich, als wir sehen, dass hinten aus den Gittern ca. 20 vermummte Männer herausschauen. Unsere Fantasie geht mit uns durch und wir erwarten schon hinter jeder Kurve und jedem Hügel eine Drogenfabrik oder Ähnliches.

Nichts dergleichen erscheint. Es dürften Hirten gewesen sein, die ihre Viecher für den Sommer auf die Hochebenen getrieben und sich vor dem Staub der Steppe mit den Sturmhauben geschützt haben.

Eine Bergoase in Kasachstan

Nach einer kurzen Abfahrt erreichen wir die kleine Bergoase und beobachten die Hirten, die ihre Schafe gerade durch den Fluss treiben. Die Wetterprognose sagt für die nächsten Tage eine Mischung aus Sonnenschein und Gewittern voraus ...

Tag 8: Die letzte Strecke in die Berge

Wieder mal eine morgendliche Flussquerung später starten wir in den letzten Abschnitt in die Berge. Der schwarze Horizont gibt uns eine Vorahnung, dass wir heute nicht trocken bleiben werden.

Der Schotterweg ist abschnittsweise so sandig, dass wir mit den Rädern einsinken und sie schieben müssen. Dann steilt der Weg auf und es geht über einen hügeligen Berghang bergauf. Wir schließen zu den Hirten auf, die ihre Viecher aufwärts treiben. Da sie aber ein recht flottes Tempo haben, überholen wir nicht.

Kasachischer Hirte auf einem Motorrad, der seinen Tieren hinterherfährt

Im Hintergrund beginnt der Donner zu grollen und wir sehen die ersten Blitze. Wir fahren weiter, da es nichts zum Unterstellen gibt und wir hoffen, in dem hügeligen Gelände einigermaßen geschützt zu sein.

Nach weiteren Schiebepassagen und einem kurzen Regenschauer erreichen wir die Hochebene. Kurz bevor der richtige Regen startet, bauen wir schnell das Zelt auf und legen uns ohne Isomatte hinein.

Kasachische Hügellandschaft

Zwei Stunden später erwachen wir bei Sonnenschein. Anscheinend sind wir immer noch etwas ausgelaugt von der langen Etappe vor zwei Tagen.

Wir beobachten die Hirten, die auf der Hochebene in den Jurten leben, und genießen es, wieder in den grünen Bergen zu sein.

Ein kasachiser Hirte auf Pferd, rettet ein Lamm aus den Fluten des Flusses

Tag 9: Gestoppt vom Fluss

Das Wetter ist wieder wechselhaft angesagt. Wir hoffen auf Wegverhältnisse, die eine doppelt so hohe Geschwindigkeit wie am Vortag zulassen. Mit 10 km/h schaffen wir es über die Hochebene, vorbei an Jurten und vereinzelten Tierherden. Vor der Abfahrt betrachten wir noch ein großes Denkmal, das an eine Schlacht aus längst vergangener Zeit erinnern soll.

Pferde Schädelknochen Murmeltier auf kasachischer Hochebene
Radfahrerin auf kasachischer Hochebene

In der Abfahrt müssen wir immer wieder unsere Schuhe ausziehen und die Räder durch tiefe Flüsse schieben. Ständig drehen wir uns zu dem heraneilenden Gewitter um, das immer näher kommt. Teils ohne Straße fahren wir durch Wiesen bis zur nächsten Bachquerung, bei der man immer abwägen muss: Kann man einfach durchfahren, auf Steinen vielleicht hinüberbalancieren oder muss man doch die Schuhe ausziehen? Meist ist es dann doch Letzteres.

Wir erreichen den Talboden und das Gewitter holt uns ein. Wir bauen schnell die Außenhülle unseres Zeltes auf und schaffen es gerade noch, hineinzuhüpfen, ohne komplett nass zu werden.

Greifvogel in Kasachstan

Als der Regen nachlässt, ist aber schnell klar: Der Fluss ist durch die Regenfälle so stark angeschwollen, dass wir unmöglich durchkommen. Wir suchen nach passenden Stellen, aber keine erscheint uns irgendwie sicher.

Nach langem Hin und Her entscheiden wir, dass die einzig sinnvolle Lösung ist, hier zu schlafen und den Fluss am nächsten Tag ganz in der Früh zu durchqueren. Bis dahin ist hoffentlich das meiste Regenwasser schon den Berg hinuntergelaufen und der Schnee am Berg noch gefroren.

Kasachische Landschaft mit Fluss

Die Alternativen wären: Die Räder 20 km lang auf unserer Seite des Flusses einen Hang entlangzuschieben.

Oder worst case die letzten drei Tage zurückzufahren. Das wäre aber wohl mit unseren Essensvorräten eher knapp geworden.

Also gehen wir richtig früh ins Bett. Der Wecker läutet um 04:00 Uhr.

Tag 10: Die Flussquerung

Noch leicht schlaftrunken steige ich aus dem Zelt und schaue mir die Lage an. Der Fluss ist zwar deutlich weniger reißend, aber immer noch zu stark. Außerdem ist es draußen saukalt. Wir schlafen noch weiter.

Um 06:00 Uhr der nächste Versuch. Wir packen unsere Sachen zusammen und machen uns ohne Frühstück an die Arbeit. Wir sind sichtlich etwas nervös! Aber wir finden eine Stelle, die machbar aussieht.

Ich versuche, alleine vorzugehen, aber sobald mein Rad komplett im Fluss steht, reißt es mich fast um. Also zu zweit. Zusammen schaffen wir es, auf den rutschigen Steinen gerade so mein Rad ans andere Ufer zu manövrieren.

Kasachische Landschaft mit Fluss

Unsere Füße sind schon taub vom kalten Wasser und jetzt müssen wir noch Vanessas Rad holen. Also wieder zurück. Ohne Rad, das einem ein bisschen Stabilität gibt, ist es deutlich schwerer. Ohne lange zu fackeln, packen wir das Rad und zerren es wieder durch den reißenden Fluss.

Endlich geschafft!! Die Erleichterung ist uns ins Gesicht geschrieben. Wir sind beide komplett durchnässt, aber mittlerweile werden wir von der Sonne gewärmt. Wir kochen uns Frühstück und schmieren die Ketten unserer Räder.

Radfahrerin bei einer Flussquerung in Kasachstan

Weiter geht's, nur dass wir zwei Minuten später wieder einen Seitenfluss queren müssen. Die nächsten zwei Stunden fahren wir talauswärts und müssen mindestens 20 kleine Flüsse queren.

Zum Glück müssen wir nicht wie befürchtet noch einmal den Hauptfluss queren, sondern bleiben links davon, bis wir immer weiter unten auf zunehmend bessere Straßen treffen. Nur der extrem feine Staub macht mir zu schaffen, da die Räder so klingen, als wäre in jedem Lager eine Handvoll Sandkörner. Vanessa ist etwas entspannter und ignoriert die Geräuschkulisse einfach.

Schlussendlich erreichen wir das Dorf Subar, wo wir wieder von den Minimärkten begeistert sind.

Es wollen noch ein paar Leute mit uns ein Foto machen und uns zu sich nach Hause einladen. Aber unser Plan ist, noch bis in die nächste große Stadt zu fahren und zum ersten Mal in einem Hotel zu schlafen. 90 km sind es noch bis nach Taldykorgan.

Selfie mit einer Frau, die wir in Kasachstan getroffen haben

Die Landschaft ist wunderschön und die Asphaltstraße nach den drei Tagen Schotter und Flussquerungen ist eine Wohltat. Wir fahren bis auf einen Pass, von dem es dann fast nur noch bergab geht. Wir treffen ein kasachisches Jugend-Radteam, das sogar mit Begleitauto unterwegs ist.

Zwei kasachische Kinder auf einem Pferd, als Transoprtmittel

Kurz vor Taldykorgan machen wir noch einmal Pause und entdecken unser Lieblingseis für diese Reise: Bomba-Eis. Die letzten Kilometer vergehen wie am Schnürchen, obwohl wir wieder in einem stinkenden Stadtverkehr fahren. Das erste Hotel ist voll, das zweite hat zum Glück noch Platz für uns.

Komplett erschöpft genießen wir die Dusche und das Bett. Der nächste Tag ist ein Ruhetag. Wir wollen uns die Stadt anschauen und etwas essen gehen. Außerdem müssen wir wieder den nächsten Abschnitt planen und wollen besonderes Augenmerk auf mögliche Flussquerungen legen.

Diese Situation wollen wir auf keinen Fall wiederholen. Dass dann aber etwas anderes zur Challenge wird, die uns bis in die Mongolei begleiten wird, hatten wir bis dato nicht am Schirm.