Der Plan (Änderungen vorbehalten)

Seit fünf Tagen sind wir in Almaty und bereiten uns auf unsere zehnwöchige Radreise durch Kasachstan, China und die Mongolei vor. Der grobe Plan: von Kasachstan über China bis in die Mongolei.

Eigentlich wollten wir zuerst eine Gravelroute im Norden Kasachstans fahren: die „Austrian Road“, eine im Ersten Weltkrieg von österreichischen Kriegsgefangenen gebaute Straße. Die Landschaft soll atemberaubend sein, die Strecke entsprechend herausfordernd. Unsere Satellitenbildanalyse zeigt allerdings ziemlich eindeutig, dass im Norden, nahe der russischen Grenze, noch zu viel Schnee liegt.

Also wird zum ersten Mal intensiv umgeplant.

Statt 30 Stunden mit dem Nachtzug in den Norden zu fahren, starten wir direkt von Almaty und wollen über das Assy Plateau bis zum Charyn Canyon. Diesen Abschnitt hatten wir ohnehin geplant – allerdings in die andere Richtung. Eigentlich sollte er unsere Aufwärmtour vor dem Norden werden. Eine Gelegenheit, um herauszufinden, ob unser Setup, das bis dahin gerade einmal zwei Tage auf den Rädern montiert war, überhaupt mit den kasachischen Bedingungen zurechtkommt. Und falls etwas nicht funktioniert, hätten wir in Almaty vermutlich noch die beste Chance auf Ersatz oder eine Reparatur gehabt.

Aber na gut. Also direkt von Almaty los!

Tag 1: Almaty – Assy Plateau

Die ersten 60 Kilometer kämpfen wir uns aus dem stinkenden Stadtverkehr hinaus. Egal wie schön und grün Almaty sein will, die Luft ist einfach nicht zum Atmen. Auf der viel befahrenen Straße werden wir ständig angehupt. Es dauert eine Weile, bis wir verstehen, dass das keine europäischen „Verpiss dich von unserer Straße“-Huper sind, sondern freundliche kasachische Begrüßungshuper. Gleichzeitig überholen uns die Autos mit Abständen, von denen man in Österreich nur träumen kann.

Wir kommen recht flott voran und erreichen bald die Abzweigung zum Ile-Alatau-Nationalpark. Bei einer kurzen Pause wundern wir uns, warum hier noch immer so viele Autos, und vor allem Sportwagen, ins Tal hineinfahren.

Als wir schließlich vor dem Eingangstor stehen und ungefähr zwei Euro Eintritt zahlen, beginnen wir langsam zu verstehen, dass Nationalparks in Kasachstan etwas anders funktionieren als bei uns in den Alpen. Wir kennen einen Nationalpark vor allem als Schutzgebiet. Hier scheint er mindestens genauso sehr ein Erholungsgebiet zu sein. Überall stehen Schilder, die Feuermachen verbieten. Direkt daneben: Feuerstellen und Kasachen, die mit dem Auto vorfahren und um die Wette grillen.

Schnell erkennen wir, dass man sich hier am liebsten nur dorthin bewegt, wo auch das Auto hinkommt.

Leute, die im Ile-Alatau-Nationalpark in Kasachstan campen und grillen

Wir fahren weiter durch das Nationalparkgetümmel, bis uns plötzlich ein Ranger stoppt. Mit seinen Armen formt er ein X: Hier geht es nicht weiter...

Mit Offline-Google-Translate versuchen wir erfolglos herauszufinden, was das Problem ist. Zum Glück kommt uns ein junger Mann zu Hilfe und übersetzt. Anscheinend ist die Straße wegen Steinschlags gesperrt. Zum Assy Plateau soll man trotzdem irgendwie kommen können, nur durchfahren dürfen wir nicht.

Der junge Student hat auch gleich einen Lösungsvorschlag: Wir sollen den Ranger bestechen. Zehn bis zwanzig Euro sollten reichen.

Wir entscheiden uns dann doch für die österreichische Variante: warten. Nachdem mehrere Autos aus dem gesperrten Tal herauskommen, fahren wir irgendwann einfach weiter.

Am Abend bauen wir unser Zelt auf und kochen noch schnell etwas zu essen.

Was für ein erster Tag.

Tag 2: Assy Plateau

Da in Kasachstan im April die Sonne schon um 04:00 Uhr auf- und um 19:00 Uhr untergeht, stehen wir früh auf. Das Porridge war nicht unsere beste Kreation, aber wir haben ja noch genügend Zeit, um das perfekte Rezept zu entwickeln. Wir packen unsere Sachen zusammen und fahren weiter Richtung Assy Plateau.

Bald wird die Straße schlechter und wir sehen auch ein paar kleinere Felsen auf der Fahrbahn liegen. Wahrscheinlich dieser Steinschlag. Dann hört der Asphalt komplett auf und wir fahren auf einer holprigen Schotterstraße weiter. Teilweise ist es so steil, dass wir schieben müssen.

Fahrradfahrer schiebt das Rad Richtung Assy Plateau
Hier konnten wir noch nicht ahnen, wie oft wir unsere Räder noch schieben müssen...

Zum ersten Mal bekommen wir einen Eindruck davon, was wir uns für die nächsten Wochen vorgenommen haben. Langsam, aber stetig kämpfen wir uns den Berg hinauf. Das Tal ist tief eingeschnitten und unter uns rauscht der Bach. Insgeheim hoffen wir immer noch, dass am Assy Plateau kein Schnee liegt. In Almaty hat es die letzten Tage recht viel geregnet und wir haben wirklich keine Lust, unsere Räder durch den Schnee zu schieben.

Langsam öffnet sich das Tal und der Wald lichtet sich. Plötzlich erreichen wir eine kleine Hochebene und sind schon ziemlich begeistert. Wir beobachten die ersten Murmeltiere und wundern uns, wie entspannt sie herumlaufen, obwohl über uns ständig Greifvögel kreisen.

Wir fahren die letzten paar hundert Höhenmeter bis zum Pass hinauf. Zum Glück ist die Straße schneefrei und wir sind super happy, dass wir die Höhenmeter für heute geschafft haben. Wir genießen die Aussicht und grüßen einen Motorradfahrer, der uns vom Observatorium entgegenkommt.

Radfahrer auf der Schotterpiste am Assy Plateau Blick über das Assy Plateau mit Radfahrer

Ein paar Kilometer fahren wir noch weiter, bevor wir uns vor einem kurzen Regenschauer in einem von Nomaden errichteten Blechschuppen verstecken, in dem sie ihr Hab und Gut für den Sommer lagern. Nach etwa 45 Kilometern beschließen wir, dass wir uns am zweiten Tag noch nicht komplett vernichten müssen, und schlagen unser Zelt neben einem Bach auf.

Zeltplatz am Assy Plateau

Wir erkunden noch die verlassenen Häuser in der Umgebung, bevor wir todmüde ins Zelt kriechen.

Tag 3: Assy Plateau - Bartogay Lake

In der Früh müssen wir gleich unsere ersten Bachquerungen meistern. Dafür sehen wir unsere ersten halbwilden Pferde und auch gleich die Hütehunde, die sie bewachen. Also einen großen Bogen um die Hunde und weiter geht's.

Flussquerung am Assy Plateau

Eigentlich sollte es heute hauptsächlich bergab gehen, aber gefühlt mussen wir für jeden Meter bergab gleich wieder zwei bergauf fahren. So kämpfen wir uns auf einer erstaunlich guten Straße durch die Landschaft Richtung Tal. Die Erdstraßen sind ein Traum zum Fahren, fast wie auf Wolken geht es dahin.

Im Tal angekommen, machen wir eine kurze Haribo-Pause und feiern, dass wir nicht von dem Hund aufgefressen wurden, der aus dem einzigen Haus weit und breit auf uns zugerannt kam.

Radfahrer auf der Schotterpiste am Assy Plateau

Jetzt heißt es wieder bergauf. Die Straße wird deutlich schlechter und wir schieben unsere Räder großteils den Berg hinauf. Teilweise ist es so steil und der Schotter so rutschig, dass wir selbst beim Schieben mit den Schuhen ständig wegrutschen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir die Passhöhe. Eine an uns vorbeigaloppierende Pferdeherde sorgt noch einmal für die nötige Motivation weiter zu fahren.

Wildpferde auf dem Assy Plateau

Ab jetzt geht es „nur noch“ bergab.

Wer denkt, die 1000 Höhenmeter lange Abfahrt wäre ein Genuss, der irrt. Die Straße ist so schlecht, dass wir unsere vollbepackten Gravelbikes teilweise sogar bergab schieben müssen.

Endlich erreichen wir den Bartogay Lake, den wir noch einmal halb umrunden müssen, bevor wir einen geeigneten Zeltplatz finden. Ich muss Vanessa immer wieder motivieren, noch ein paar Meter weiterzufahren. Sie ist inzwischen ziemlich erschöpft und würde das Zelt am liebsten am nächstbesten Platz im Gatsch aufstellen.

Zeltplatz am Bartogay Lake

Aber wir finden doch noch den perfekten Platz, direkt am See.

Unsere heutige Essenskreation, Tomaten-Packlsuppe mit Nudeln, schmeckt uns an diesem Abend besonders gut. Langsam werden allerdings unsere Essensvorräte knapp, da wir in Almaty noch wirklich auf jedes Gramm geachtet haben.

Diese Einstellung werfen wir zum Glück bald über Bord.

Tag 4: Bartogay Lake - Charyn Canyon

Auf den ersten Kilometern des Tages werden wir gleich in den Genuss der berüchtigten Wellblechstraßen eingeweiht. Die Autos fahren hier so schnell über die Schotterpisten, dass sich mit der Zeit unzählige kleine, regelmäßige Wellen bilden. Wir versuchen ständig, den Abschnitt der Piste zu finden, der am wenigsten ruppig ist. Vergebens. Wir und unsere Räder werden ordentlich durchgeschüttelt.

Die Erleichterung ist groß, als wir endlich wieder auf eine asphaltierte Straße abbiegen. Bald sehen wir in der Ferne die ersten Häuser und hoffen, dass es in dem Mini-Dorf, das eigentlich eher einer Raststätte ähnelt, ein Geschäft gibt, in dem wir unsere Vorräte ein bisschen aufstocken können.

Jackpot!

Es gibt einen Minimarkt mit allem, was unser Herz begehrt. Wir decken uns mit frittierten Teigtaschen, Süßigkeiten und dem Nötigsten ein. Wir sind erst drei Tage unterwegs und haben gar nicht gemerkt, wie hungrig wir eigentlich schon sind. Ab jetzt sind unsere Essensvorräte etwas voller und auch mit mehr Gemüse bestückt.

Kalt=

Wir fahren weiter gegen den Wind Richtung Charyn Canyon. Vanessa macht Tempo und ich versuche vergebens, ihr im Windschatten zu folgen. Immer wieder bleiben Autos stehen oder fahren eine Weile neben uns her. Die Leute wollen Fotos machen und wissen, woher wir kommen.

Als wir endlich den Canyon erreichen, bin ich komplett fertig und wir gönnen uns eine Fanta, Cola gibt es keines. Wieder zahlen wir ein paar Euro Eintritt, sperren unsere Räder ab und machen uns zu Fuß auf den Weg in den Canyon. Die meisten anderen Touristen nehmen den Shuttlebus, vom Visitor Center.

Unsere Räder vor einem Straßenschild und einer langen geraden Straße richtug Charyn Canyon
Kalt=

Der Canyon ist wirklich beeindruckend. Man dürfte sogar ganz unten am Fluss zelten, aber dort ist es so heiß, dass wir schon vorher beschlossen haben, heute noch ein Stück weiterzufahren. Durch den Canyon können wir mit den Rädern leider auch nicht weiter, da der Weg eine Sackgasse ist und unten am Fluss endet.

Also fahren wir, wie geplant, wieder zurück und noch ein Stück weiter, bis wir einen wunderschönen Zeltplatz neben einem Fluss und einer alten Brücke finden. Unter der Brücke liegen viele Ziegen und Kühe und genießen den Schatten.

Die eine Stunde vom Canyon bis zum Fluss verlangt mir noch einmal den Rest ab. Ich komme Vanessa quasi nicht mehr hinterher.

Kalt=

Deshalb wird der nächste Tag zum Ruhetag erklärt: Wäsche waschen, organisieren und vor allem überlegen, wie es überhaupt weitergeht. Da wir eigentlich nur bis hier her geplant hatten, und zum Weiterplanen haben wir noch keine Zeit gefunden.